"Auf der Bühne fühle ich mich glücklich"

2015 kam Foteen Rajeha als syrischer Flüchtling nach Deutschland; im August hat sie ihre Ausbildung zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung bei LOXX begonnen. Wie sie von der Oper in Damaskus nach Gelsenkirchen gekommen ist.

Wenn die 22-Jährige über das Singen spricht, dann leuchten ihre Augen. Sie presst ihre gefalteten Hände vor dem Herzen fest zusammen und wirft den Kopf mit den dunklen Locken in den Nacken. „Ich liebe es einfach, auf der Bühne zu stehen, dann fühle ich mich ganz leicht und glücklich“, erzählt
Foteen Rajeha. Mit zehn Jahren sang sie bereits im Chor in der griechisch-orthodoxen Kirchengemeinde in ihrer syrischen Heimatstadt Irbin. Dort besuchte sie eine Musikschule. Sie wollte mit ihrer Sopran-Stimme Opernsängerin werden und ist sogar in der Oper in Damaskus aufgetreten. Der Krieg in Syrien brachte ihre Pläne durcheinander und es folgten Jahre des massiven Umbruchs.

Kennenlernen per Videokonferenz
Der Weg zur Logistik lag für die Sängerin zunächst nicht sehr nahe. Ein Freund brachte Foteen Rajeha auf die Idee. „Ein Freund meinte, dass ich Mathe und Sprachen mag, dann sei doch die Logistik das Richtige“, sagt die gebürtige Syrerin. Neben der Leidenschaft für Zahlen spricht sie Arabisch (Muttersprache) sowie Deutsch und Englisch fließend; Italienisch, Griechisch, Spanisch und Französisch kann sie gut lesen. Über die Agentur für Arbeit stieß sie auf die Stellenausschreibung bei LOXX. Das Vorstellungsgespräch wurde coronabedingt per Videokonferenz geführt. „Der erste positive Eindruck hat sich total bestätigt, die Kolleginnen und Kollegen sind sehr hilfsbereit und unterstützen mich, auch wenn ich sprachlich etwas nicht ganz verstehe“, so die Auszubildende. In den ersten Monaten war sie in der Buchhaltung eingesetzt, alle paar Monate wechseln die Auszubildenden die Abteilungen durch, damit sie möglichst viel kennenlernen.

Von Irbin nach Gelsenkirchen
Wer Foteen Rajeha Deutsch sprechen hört, ist meist überrascht, dass sie erst 2015 nach Deutschland gekommen ist. Die gute Aussprache hängt wohl mit ihrem geschulten Gehör als Sängerin zusammen. Als sie 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam, konnte sie kein Deutsch. „Das war eine schwierige Zeit, ich konnte erst ein Jahr später mit dem Sprachkurs beginnen. Ab da bin ich erst so richtig mit den Menschen hier in Kontakt gekommen“, berichtet Foteen Rajeha.

Die Wahlbochumerin machte sich wegen des Krieges in Syrien gemeinsam mit ihrem Vater und weiteren Verwandten 2015 auf den weiten Weg nach Deutschland; ihre Mutter blieb zusammen mit den beiden Schwestern in Syrien. Über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Ungarn, Serbien und Österreich gelangten sie, teilweise auch über den Seeweg, schließlich nach Deutschland. „Die Trennung zu meiner Mutter und meinen Schwestern war sehr schwierig. Wenn sie Strom hatten, konnten wir zumindest telefonieren“, erinnert sich Foteen Rajeha. 2019 kamen ihre Mutter und die beiden Schwestern nach über drei Jahren Trennung schließlich nach Deutschland nach.

Musik für die Seele 
Die Musik begleitete Foteen Rajeha auch in Deutschland von Beginn an. Sie sang in einer Band für Flüchtlinge, war die Papagena in Mozarts „Zauberflöte“, machte bei Wettbewerben mit und belegte 2017 bei „Jugend musiziert“ den ersten Platz für Gesang. Auch heute noch singt sie an der Musikschule Bochum Opern. Wegen einer langwierigen Kieferbehandlung und den Corona-Beschränkungen waren Auftritte dieses Jahr sehr eingeschränkt. Dafür singt sie umso mehr auch bei sich zu Hause. Wenn sie zur Ruhe kommen möchte, dann hört sie beispielsweise die Oper Madame Butterfly. Auf die besondere Aufregung bei einem Konzertauftritt freut sie sich aber schon jetzt.

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